Mein Interview

Wir sind Butzbach! Auf einen Kaffee mit…

Anne Thomas (Reiseverkehrskauffrau und Jung-Unternehmerin)

Liebe Anne, du bist Jahrgang 1986 und stammst aus Thüringen, nicht wahr?

Anne Thomas: Richtig, genauer gesagt aus Bad Langensalza, dort bin ich aufgewachsen und bis zum Abi zur Schule gegangen. Das ist ein ganz reizendes Städtchen nordöstlich von Eisenach mit einem wunderschönen historischen Stadtkern, Fachwerk und einem in der ganzen Region bekannten Mittelalterstadtfest. Witzigerweise ist Bad Langensalza in etwa so groß wie Butzbach. 

Wo hat man die kleine Anne damals – jenseits des Klassenzimmers – angetroffen?

Anne Thomas: Nachmittags habe ich häufig die verschiedenen Angebote der Schule genutzt, z.B. die Tanz-AG, Kunst-AG oder die Fahnenschwenker-AG.

Die was?

Anne Thomas: (lacht) Fahnenschwenker-AG. Manche nenne es auch Fahnenschwingen. Keine Sorge, wir habe da keine politischen Fahnen geschwenkt, nein, das ist ein alter Volkssport, so richtig mit Choreographie. Wir sind damit häufig aufgetreten oder bei Umzügen mitgelaufen. Historischer Hintergrund des Fahnenschwenkens ist, dass die Schwenker früher auf den Stadtmauern standen und mit ihren Fahnen bei richtiger Nutzung Geräusche verursachten, die sich ähnlich wie Schüsse anhörten und den anrückenden Feind abschrecken sollten.

Du warst drei Jahre alt, als die Wende kam. Sicher hast du an diese Zeit kaum noch Erinnerungen, oder?

Anne Thomas: An die Wende selbst nicht, aber über die Erziehung und die vermittelten Werte, war und bin ich mir meiner Wurzeln natürlich bewusst. Meine Eltern sind beide Lehrer, mein Vater auch für Russisch. Er machte dann noch das Staatsexamen für Englisch bei einem berufsbegleitenden Studium. Beide leben heute noch in Bad Langensalza und ich besuche sie immer wieder gerne. Wenn ich heute die Bilder von damals sehe, wie die Menschen auf die Straße gegangen sind oder vom Mauerfall selbst im November 89, dann beeindruckt mich das schon enorm und ich mache mir immer bewusst, dass ich zu der Zeit ja schon auf der Welt war. Es gibt natürlich diverse Familienstorys aus dieser Zeit, die bis heute noch lebendig sind. Zum Beispiel sind wir nach der Wende als Familie dann zu einem ersten West-Ausflug nach Eschwege gefahren und mein Vater muss in einem Supermarkt eine Kiwi in der Hand gehalten und gesagt haben. „Die haben hier aber merkwürdige Kartoffelsorten.“ Ich weiß, das klingt voll nach Klischee, war aber so. 

Wie ging es für dich nach dem Abitur weiter?

Anne Thomas: Ich habe in Magdeburg einen ganz neuen Studiengang namens „Medienbildung“ belegt, der mich aber nicht wirklich glücklich gemacht hat, so dass ich zurück nach Bad Langensalza bin und dort gejobbt habe. Über meine Tante hier in Hessen bin ich dann nach Wettenberg gekommen und habe dort eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau absolviert. Allerdings in keinem klassischen Reisebüro, sondern bei einem Gruppenreiseveranstalter. Mit ehemaligen Freunden bin ich nach Butzbach-Münster gezogen und habe dort fünf Jahre lang gelebt. So wirklich angekommen in Butzbach bin ich aber erst, als ich 2013 dann hier in die Kernstadt gezogen bin, in eine Wohnung über die Pizzeria „Salerno“ gegenüber dem Kino. Seit dieser Zeit gehöre ich auch zum Helferteam des Open-Air-Kinos, worüber ich mir eine wunderbare neue Community aufbauen konnte. Seit dem bin ich mit Leib und Seele Butzbacherin.

Wie unterscheidet eine Ausbildung bei einem Gruppenreiseveranstalter vor der in einem Reisebüro?

Anne Thomas: Wir organisieren dort ausschließlich Gruppenreisen, schnüren daraus Reisepakete und verkaufen sie weiter an Busreiseunternehmen, die bei uns – wenn sie denn möchten – ihr komplettes Programm einkaufen können. Im Rahmen dieser Ausbildung entwickelte ich ein ausgeprägtes Organisationstalent, war u.a. zuständig für einen mehrtätigen Volksmusikevent in Österreich, der in der Regel zw. 300 und 500 Teilnehmer hatte. Nach Abschluss der Ausbildung wechselte ich dann in die Hotelbranche, ehe ich einen Job bei dem Großkonzern „PricewaterhouseCoopers“ (kurz PwC) in Frankfurt annahm, der in den Bereichen Wirtschaftprüfung, Steuer- und Unternehmensberatung tätig ist.

Vom Reisen organisieren zum Großkonzern – wie kam es zu diesem doch erheblichen Kurswechsel?

Anne Thomas: Jeder weiß, dass man in der Hotelbranche eher mäßig bezahlt wird und so langsam wollte ich auch wirtschaftlich im Berufsleben ankommen. Meine Schwester arbeitete bereits bei PwC und als sie mir von einer freien Stelle dort berichtete, bewarb ich mich und bekam den Job. Das war eine tolle Chance, mich noch einmal ganz neu zu entdecken und zu entwickeln. Ich arbeitete dort zunächst als Assistentin bzw. Partnersekretärin und ging dann weiter in Richtung Projektassistenz, ehe ich dann in der juristischen Abteilung als Operations Manager für den internationalen Sektor gearbeitet habe. Achteinhalb Jahre war ich insgesamt dort.

Klingt nach einer echten Karrierefrau, allerdings sprichst du in Vergangenheit, heißt das, dass du dort nicht mehr bist?

Anne Thomas: Stimmt. Ich habe dort im Mai gekündigt und bin zurück in meinen alten Beruf als Produktmanagerin bei einem Paketreiseveranstalter, nun aber bei einem Unternehmen in Gießen. Parallel dazu habe ich gerade mein erstes kleines eigenes Unternehmen an den Start gebracht…

Ich merke, bei Dir ist gerade ganz ganz viel in Bewegung… 

Anne Thomas: Das stimmt. Seit Jahresbeginn befasse ich mich ganz intensiv mit dem Thema Persönlichkeitsentwicklung, versuche zu analysieren, wo ich als Person, als Mensch stehe, was mich ausmacht, was mich glücklich macht und was nicht. Vor allem aber, wohin ich mich entwickeln möchte. Dazu habe ich auch das Meditieren als Kraftquelle für mich entdeckt. Mir wurde in den letzten Monaten klar, dass ich das große Glück habe, in einem noch einigermaßen funktionierenden, vor allem aber kriegsfreien Land zu leben und mir, als 33-Jährige, alle Türen offen stehen. Vermutlich hätte ich in diesem Konzern bis zur Rente gutes Geld verdienen können, aber ich habe mich dazu entschieden, meiner Neugier und meinem Tatendrang nachzugehen und mutig durch die eine oder andere offene Tür hindurchzuschreiten. Der Weg zurück zum Gruppenreiseveranstalter ist sozusagen mein Sicherheitsanker, der mir aber Spielraum lässt für neue, kreative Ideen 

Und eine dieser Ideen hast du jetzt schon in die Tat umgesetzt, denn du hast „Die Glückbringerin“, dein erstes kleines Unternehmen, auf den Weg gebracht. Wie bist du auf die Idee gekommen und wem bringst du wie das Glück?

Anne Thomas: Alles begann damit, dass sich Anfang des Jahres eine ehemalige PwC-Kollegin von mir nebenbei als freie Traurednerin selbstständig gemacht hat. Das macht sie wirklich großartig, war aber anfangs nicht so affin, was die neuen Medien (insbesondere Facebook und Instagram) angeht. So durfte ich sie diesbezüglich etwas beraten und im Zuge dessen auch mal auf eine Hochzeit, auf der sie sprach, begleiten. Und dabei habe ich Blut geleckt, fuhr wie beflügelt nach Hause….

…mit der Idee Wedding-Plannerin zu werden?

Anne Thomas: Nein, nicht direkt Wedding-Plannerin. Mir wurde schnell klar, dass mir dazu noch das Netzwerk fehlt. Ich fokussierte mich schnell auf den Teil-Bereich der finalen Abwicklung eines solchen Festes. Das heißt, wenn Brautpaare im Vorfeld eigentlich genau wissen, wo gefeiert wird, wer das Essen liefern und abends Musik machen soll, bedeutet das ja noch lange nicht, dass am Tag davor und am eigentlichen Hochzeittag nicht doch das Orga-Chaos ausbricht. Und da komme ich ins Spiel. Ich biete Paaren an, mich mit Infos und Kontaktdaten zu allen schon gebuchten Komponenten auszustatten. Dann nehme ich im Vorfeld mit diesen Dienstleistern Kontakt auf und koordiniere alle so, dass der große Tag dann wirklich geschmeidig und ohne größere Dramen und Katastrophen abläuft. Es geht dabei darum, sowohl dem Brautpaar, als auch den Eltern und den Trauzeugen, professionell den Rücken freizuhalten, so dass alle entspannt feiern können. Da gehört z.B. dazu, dass die Luftballons mit den Kärtchen auch wirklich alle bereit stehen, dass der Sekt nicht schon eine halbe Stunde vor dem Anstoßen in der Sonne schmort, dass der Brautvater sein ellenlange Rede doch noch etwas kürzt oder aber, dass daran gedacht wird, dass alle anwesenden Hunde Wasser bekommen. Ein antiquiertes Wort für das, was ich anbiete wäre vielleicht „Zeremonienmeister“. Es ist sicher für viele eine gute Mittelösung zwischen einem Wedding-Planer, der schon ein Jahr vorher bei allen Entscheidungen mit im Boot ist und eines Festes unter dem Motto: „Wird schon alles irgendwie einigermaßen laufen“. Seit meinem Start im Sommer habe ich eine erste Internet- und Facebookseite sowie einen Instagramauftritt an den Start gebracht, ebenso richtig tolle Visitenkarten. Da ich derzeit ja beruflich noch eingebunden bin, versuche ich nun erst mal auszuloten, wie mein kleines Glücks-Business nebenbei anläuft, bin aber neugierig auf alles, was sich daraus ergibt. Mittelfristig habe ich dann schon vor, mich auch mal auf Hochzeitsmessen zu präsentieren. Auch wenn ich jetzt erst mal langsam starte, habe ich mir dennoch ein paar Ziele formuliert, wo ich mit meiner Selbstständigkeit hinmöchte: im ersten Jahr Fuß fassen, Kontakte knüpfen und schon ein paar Veranstaltungen durchführen. In drei Jahren würde ich gerne ein Buch dazu geschrieben haben, vielleicht auch einen Podcast und hier und da auch mal in den Medien auftauchen, um dann in fünf Jahren Promi-Hochzeiten zu organisieren (lacht). Ich weiß, das klingt ein wenig abgefahren, aber warum soll man denn nicht mal rumspinnen. Nun konzentriere ich mich aber erst mal auf meine erste Hochzeit am 5. Oktober in Bad Nauheim. Wenn alles glatt läuft organisiere ich nächstes Jahr dann sogar eine Trauung in Schottland, was mich besonders freut, da ich ein absoluter Schottland-Fan bin.

Das Klischee sagt, dass es da neblig, nass und kühl ist…

Anne Thomas: Das stimmt zu weiten Teilen einfach nicht. Du hast viel Küste und somit oft wechselhaftes Wetter, manchmal alle vier Jahreszeiten an einem Tag mit faszinierenden Lichtverhältnissen und atemberaubender Landschaft. Ich habe Schottland im Rahmen eines Reiseleiter-Workshops kennen- und liebengelernt und schaue, dass ich jedes Jahr mindestens einmal dort bin. Ich habe mich noch nirgends (außer in Butzbach natürlich) so wohl gefühlt wie dort. Auch wegen den unglaublich höflichen und herzlichen Menschen dort, die dir immer ein Lächeln schenken, egal ob sie dich kennen oder nicht und dich mit ihrer Freundlichkeit einfach komplett einnehmen.

Bitte vervollständige noch folgende Sätze: In Butzbach lässt es sich ganz gut leben, weil…

Anne Thomas: … wir eine großartige Verkehrsanbindung in alle Richtungen haben, dazu jede Menge attraktive Freizeitangebote für Jung und Alt und auch sonst eigentlich alles, was man zum Leben braucht.

Zurzeit lese ich …

Anne Thomas: … ganz viele Bücher aus dem Themenfeld „Persönlichkeitsentwicklung“. Ganz besonders gefallen hat mir zuletzt Sebastians Fitzeks Buch „Fische, die auf Bäume klettern können“, das er (auch) für seine Kinder geschrieben hat.

Musikalisch immer geht…

Anne Thomas: …Metallica. Ich war gerade vor zwei Wochen in Mannheim wieder auf einem Konzert. Es ist absolut beeindruckend, wie präsent die Jungs auf der Bühne noch sind. Und – was kaum einer weiß – in jedem Ort, in dem sie Konzerte spielen, spenden Sie einen Teil der Einnahmen an ein gemeinnütziges Projekt vor Ort.

Für diese Reihe empfehle ich …

Anne Thomas: … den neuen Betreiber des Blauen Hauses am Marktplatz.

Zu Abend essen in Butzbach würde ich gerne mal mit …

Anne Thomas:…Barack Obama.

Ich kann mich furchtbar aufregen über…

Anne Thomas: … Intoleranz.

Gute Laune macht mir …

Anne Thomas: …alles. Also das Leben. Jetzt gerade.

Martin Guth

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